Odyssee
nach München zur Transplantation beginnt trotzdem.
Fünf
Monate nach der großen Suchaktion für einen Stammzellspender: Sabine Osswald leidet am Myelodysplastischen Syndrom
und sie besitzt eine sehr seltene Kombination von Gewebemerkmalen. Bislang
konnte kein Spender für sie gefunden werden, trotz des Engagements der
Bevölkerung im vergangenen April. Die Zeit drängt und ihre Ärzte versuchen eine
Alternativlösung für eine erfolgreiche Transplantation zu finden.
1957 Menschen haben sich am 09. April 2006
in Hechingen bei der DKMS (Deutsche Knochenmarkspenderdatei) registrieren
lassen, um sich für eine Stammzellspende zur Verfügung zu stellen. Weitere 1243
Menschen ließen sich am 24. Mai in Tuttlingen, der Heimat von Sabines
Lebensgefährten, darin aufnehmen. Alle in der Hoffnung, Sabine
Osswald bei ihrem Schicksal zu helfen und die Möglichkeit zu
schaffen, ihr Lebensretter und Stammzellspender zu werden. Was ist nun
geschehen - fünf Monate nach der turbulenten Suche?
Nach dem Aktionsrummel habe sie die
Möglichkeit besessen ein wenig durchzuatmen, berichtet Sabine, und die Chance
gehabt ein „normales“ Leben zu führen, während sie den Ergebnissen der Aktionen
entgegenfiebert habe. „Einerseits genoss ich es, mich einigermaßen frei zu
bewegen, jedoch führte dies Mitte Juni dazu, dass einige Infekte meine
kompletten Blutwerte durcheinander brachten“. Ihr Arzt rät aufgrund der Lage
nun zu handeln. Eine Transplantation sei von Nöten, um eine weitere
Verschlechterung der Ausgangssituation zu verhindern.
Sabine selbst hat eine Woche dafür
gebraucht, um sich zur Transplantation durchzuringen. Es sei keine leichte
Entscheidung. „Man weiß, man ist krank, aber wenn es wirklich so weit ist, tut
sich doch der Abgrund auf.“ Aber die äußeren Umstände drängen, schließlich ist
dem Blutkrebs auf andere Art und Weise nicht beizukommen.
Zwei Fremdspender kamen für Sabine Osswald in die nähere Auswahl, ein
Hoffnungsschimmer bestand also durchaus. Es müssen allerdings gewisse
Gewebemerkmale in jedem Fall übereinstimmen, damit sich das gespendete
Knochenmark nicht gegen den eigenen Organismus richtet (GvH-Reaktion = guest
versus host - Reaktion). Passiert dies, werden die Organe angegriffen und
versagen im Ernstfall. Aus diesem Grund schieden beide Fremdspender für Sabine
aus; die Risiken für eine GvH-Reaktion waren zu hoch.
Die Zeit drängt inzwischen, Sabine hat in
den letzten Monaten mehrere Infekte erlitten, ihre Abwehrkräfte und ihr Körper
werden deutlich schwächer. Eine Bluttransfusion konnte sie wieder ein wenig
aufrichten.
Aufgrund der ungünstigen Spendersituation
wurde das Blut von Sabines Familienmitgliedern nochmals genauer untersucht. Bei
der Suche nach einem passenden Transplantationspartner werden 10 Gewebemerkmale
bestimmt, bei Geschwistern und Eltern sind automatisch 5 davon übereinstimmend
und die Gefahr einer GvH-Reaktion ist damit deutlich geringer. Sabines Bruder
und Sabines Mutter weisen ansonsten nur circa 50% Kompatibilität auf, dies ist
nicht besonders viel, aber unter erschwerten Bedingungen ist eine
Transplantation machbar. Bei einer derartig schlechten Übereinstimmung werden daher nicht nur Stammzellen
transplantiert, sondern auch Knochenmark, die Chemotherapie wird ebenfalls heftiger
durchgeführt. Die Gefahr für Spender und Patient ist somit um ein Vielfaches
höher. Der Entschluss zur Transplantation mit Sabines Bruder oder mit ihrer
Mutter wurde trotz dessen gefällt. Es gäbe schließlich momentan keine andere
Lösung: „Die Transplantation wird Mitte Ende Oktober in München erfolgen“, so
Sabine. „Ich werde zunächst einer Chemotherapie unterzogen, um die Krankheit
zurück zu drängen, nach drei Tagen Pause erfolgt eine schwerwiegendere
Chemotherapie, um mein Blutbildungssystem auszuschalten. Außerdem eine
Ganzkörperbestrahlung. Anschließend werde ich keine blutbildenden Zellen mehr
besitzen. Mein eigenes Knochenmark ist dann ausgelöscht (in diesem Zustand
funktioniert weder Krankheitsabwehr, noch Blutbildung noch Blutgerinnung,
usw.). Das neue Knochenmark wird mir zunächst in Form einer Bluttransfusion
zugeführt, wächst dies an, werden mir anschließend die Stammzellen gegeben und
man wartet zwei bis drei Wochen, bis diese ebenfalls angewachsen sind und sich
neue Blutzellen bilden. Wenn die Transplantation erfolgreich verläuft, beginnt
hier mein neues Leben.“ Wenn die Stammzellen nicht anwachsen, können nach
einiger Zeit erneut Stammzellen zugegeben werden. Oft kann dies jedoch nicht
wiederholt werden, der Körper ist sehr geschwächt.
Am meisten Angst habe sie natürlich vor dem
Tod, bekennt Sabine, und natürlich davor, nicht mehr heimzukommen, „aber das
größte Problem ist die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein, man kann selbst
nichts dazu tun, um weiterzuleben.“
Sabines Aufenthalt in München wird bei
erfolgreicher Behandlung acht bis zwölf Wochen dauern. Erwachsene können sie
jederzeit besuchen, wenn sie selbst es wünscht. Bei Besuchen gilt die so
genannte Umkehrisolation: Sabine ist in ihrem Zimmer allein, aber „unsteril“,
die Personen, die zu Besuch kommen, werden steril gehalten (Schuhe,
Mundschutz,...). Mit ihrem zweieinhalbjährigen Sohn Johannes wird sie lediglich
telefonieren können, Besuche von Kindern sind nicht erlaubt. Er wird die meiste
Zeit bei seinem Vater und seinen Großeltern in Mühlheim verbringen, außerdem
wird Johannes ebenfalls in Hechingen betreut. Soweit sei alles vorbereit, damit
im Oktober die Odyssee beginnen kann, die hoffentlich mit der glücklichen
Rückkehr endet, egal wie hart die „Prüfungen“ in der Zwischenzeit sein mögen.